Industrieschauplatz Nenzing


Eugen-Getzner-Straße 7-2008,  Nenzing,  (c)Friedrich Böhringer-CC BY-SA 2.5.JPG
Eugen-Getzner-Straße 7-2008, Nenzing,
(c) Friedrich Böhringer-CC BY-SA 2.5.JPG

In der Gemeinde Nenzing im Walgau dominierte bis zum Bau der ersten großen Fabrik im Jahr 1831 die Land- und Forstwirtschaft. Die für die Industrie notwendigen Wasserressourcen waren in Nenzing durch die Meng vorhanden und die verkehrstechnische Lage in der Mitte des Tals war günstig. Das alles bewegte die Gemeindevorstehung am Beginn der Industrialisierung offenbar dazu, potenzielle Investoren einzuladen, während sich andere Gemeinden eher skeptisch verhielten. In der Folge konnten sich im 19. Jahrhundert verschiedene Industriebranchen entwickeln.

Bürogebäude Stickerei Schallert 2007, Nenzing (c) Friedrich Böhringer
Bürogebäude Stickerei Schallert 2007, Nenzing (c) Friedrich Böhringer

Das aufstrebende Industrieunternehmen Getzner, Mutter & Cie baute hier 1831 seine erste, selbständige Baumwollspinnerei im Walgau. Die Anlage war ein imposanter Hochbau, der unter Zeitgenossen aufgrund der neuesten Technik und Ausstattung erhebliches Aufsehen erregte. Sie befand sich an der Stelle des heutigen Nenzinger Gemeindesaals und wurde 1987 trotz einer Bürgerinitiative für die Erhaltung abgerissen. In den Jahren davor war sie noch von der Kunststofffertigung des Firmenzweigs Getzner Chemie und für Werkswohnungen genutzt worden.

Getzner, Mutter & Cie bauten 1881 einen halben Kilometer bachabwärts eine weitere Fabrik, die sogenannte Untere Fabrik. Der zweigeschossige, schlossartige Bau ist heute ein Gewerbepark.

Bereits vor der Industrialisierung hatte es entlang des Mengbachs Gewerbebetriebe gegeben, die im Laufe des 19. Jahrhunderts industriellen Charakter annahmen. Aus der Hammerschmiede, der sogenannten Schmidta, entwickelten sich um 1850 das Kupferhammerwerk und später die Metallwarenfabrik Schatzmann in der Bahnhofstraße 26, mit ihrem noch erhaltenen, eindrucksvollen Hauptgebäude aus rohen Quadersteinen. Um 1900 wurden hier vorwiegend Pfannen aus Stahl, Aluminium und Messing hergestellt. 1935 wurde am Standort die Alpenländische Metallwarenfabrik der  Gebrüder Amann aus Hohenems betrieben, sie waren bis 1986 in Nenzing industriell aktiv.

Kanalbau, Nenzing (c) Archiv Nenzing
Kanalbau, Nenzing (c) Archiv Nenzing

Ein weiterer Betrieb an der Meng ist erwähnenswert: Die von Jakob Schallert 1884 gegründete kleine mechanische Stickerei, aus der 1899 eine große Schifflestickerei in der ehemaligen Parzelle Nagrand (an der heutigen Bahnhofstraße 90/Sparmarkt) entstand. Sie wurde 1925 zur Klöppelspitzenfabrik Schallert umgerüstet, die vor dem Zweiten Weltkrieg über den größten Maschinenpark dieser Branche in ganz Österreich verfügte. 1967 wurde die Produktion eingestellt, danach erzeugte die Firma Bürkert in diesen Räumlichkeiten magnetische Ventile. Die Firma Jakob Schallert & Söhne blieb als Stickereiindustriebetrieb (Beschäftigung von Lohnstickern) bis 2010, als Handelsbetrieb bis 2012 bestehen.

 

Für Nenzing typisch waren die Kanalbauten, die von einer intensiven Nutzung der zentralen Wasserachse Meng zeugten. Zu Beginn der Industrialisierung wurde das Wasser durch provisorische Leitungen zu den Betrieben geleitet, später in erhöhten oder eingegrabenen und gemauerten Kanälen und Rohrleitungen. Fabrikseigene Kraftzentralen wie das Mengbachwerk entstanden.

Was in Nenzing vereinzelt noch an die Industrialisierung erinnert, sind die Arbeiterwohnbauten und Unternehmervillen. Ein auffälliges Beispiel ist das Getzner Mädchenheim von 1908 mit der Adresse Wuhrgang 2.

 Nenzing-Villa Schatzmann (c) Friedrich Böhringer-CC BY-SA 2.5
Villa Schatzmann, Nenzing (c) Friedrich Böhringer-CC BY-SA 2.5

Interessante Bauwerke sind das vom Stickereiunternehmen Schallert um 1908 nach Plänen von Hanns Kornberger gebaute Verwaltungsgebäude in der Bahnhofstraße, die 1922 nach Entwürfen von Willibald Braun umgebaute Villa im Landhausstil oder die seit kurzem unter Denkmalschutz stehende Villa Schatzmann (1909)  in der Bahnhofstraße 10.

Trotz des Strukturwandels in den 1980er-Jahren und dem Rückgang der Texilindustrie blieb Nenzing ein wichtiger Industriestandort im Walgau. Zwei internationale Unternehmen, der Kran- und Baumaschinenhersteller Liebherr und der Metallverarbeiter Hydro, siedelten sich in den 1970er-Jahren als bedeutende Arbeitsgeber an. Diese neuen Betriebsstandorte liegen außerhalb des Dorfzentrums entlang der Bahn bzw. Autobahn.

 

Weiterführende Literatur

Manfred A. Getzner: Getzner, Mutter & Cie, Bludenz und die Entwicklung der Textilindustrie im Vorarberger Oberland, Teil A, Band II, Feldkirch 1989Wi

Manfred A. Getzner: Getzner & Comp. in Feldkirch und Nenzing, Feldkirch 1990

Bernd Nigsch:  Nenzing im Umbruch der Wirtschaftsstruktur des Walgaus, Beiträge zur alpenländischen Wirtschafts- undSozialforschung, Band 105, Innsbruck 1970

Barbara Motter, Barbara Grabherr-Schneider: Orte-Fabriken-Geschichten, 188 historische Fabriksbauten in Vorarlberg, hg. v. Wirtschaftsarchiv Vorarlberg, Innsbruck 2014