Burgruine Blumenegg

"Nimmt man alles in allem, hat man Europa durchstreift und andere Gebiete auf der Suche nach dem Malerischen, hat man unzählige Landschaften und Ruinen bewundert, so bleibt diese zerstörte alte Veste Blumenegg da oben einer der prächtigsten Orte der Welt. Hier wohnt die Verlassenheit selbst, eine harmonische Verlassenheit zwischen verträumten Tannen und Buchen." So beschreibt der in der Villa Falkenhorst aufgewachsene Reiseschriftsteller Norman Douglas die Burgruine Blumenegg. Die wegen ihres malerischen Verfalls in romantisch märchenhafter Vegetation gerühmte Burg war einst sogar das Machtzentrum der Herrschaft Werdenberg Sargans.

Die Werdenberger

Im selben romantischem Wald, am selben Bergsporn, wo jetzt nur noch wenige Mauerreste sind,  stand in alter Zeit ein stattlicher, wehrhafter Herrschaftssitz. Hier, zwischen dem Schlosstobel und dem Lutzbach hatten die Grafen von Werdenberg Mitte des 13. Jahrhunderts ihren Dynastensitz errichtet. 1265 nannten sich die Grafen Hugo und Hartmann de Werdenberc et de Bluominegge.

Wenig später teilten sie ihren Besitz, wobei Hartmann die Herrschaft Sargans und die Grafschaft im Walgau mit Blumenegg als Machtzentrum erhielt. Von ihm stammt die Linie Werdenberg-Sargans ab, sein Bruder Hugo war der Begründer der Linie Werdenberg-Heiligenberg. 1342 wird Bluomenegge dù Burch erstmals urkundlich erwähnt. Auf der rechteckigen Anlage erhob sich dem Berg zugewandt ein quadratischer Bergfried, durch einen tiefen Halsgraben gesichert. Gegen das Tal hin, wo das Gelände steil abfällt, stand der mächtige vierstöckige Palast, der Wohntrakt mit Schlosskapelle. Der Innenhof wurde durch den Wirtschaftstrakt geteilt.

Im Laufe des 14. Jahrhunderts verlor Blumenegg den Status eines Dynastensitzes an die im Rheintal zentraler gelegene Burg Vaduz. Auch im Walgau ging der Herrschaftsmittelpunkt auf die Burg Nüziders (später Sonnenberg) über.

Die Freiherrn von Brandis als Pfandherren

1391 verpfändet Graf Heinrich V. von Werdenberg Blumenegg samt Zubehör an seinen Halbbruder, dem Freiherrn Ulrich Thüring von Brandis aus dem Schweizer Emmental. In der Folge kam es allmählich zu einer Ausgliederung von der Grafschaft Walgau. Blumenegg entwickelte sich zur eigenständigen Herrschaft.

Konflikt mit den Habsburgern und Appenzellerkrieg

Anfang des 15. Jahrhunderts kam es zu Auseinandersetzungen zwischen dem Bischof von Chur, der ein Bruder von Heinrich V. von Werdenberg war und dem Herzog Friedrich IV. von Österreich. 1404 überfielen die seit 1390 habsburgischen Feldkircher die Burg Blumenegg und nahmen sie nach einem ersten Fehlversuch ein. Auch nach dem Friedensschluss gab der Habsburger Friedrich IV. die Burg nicht mehr aus der Hand. Im darauffolgenden Jahr griff jedoch der Appenzellerkrieg auf den Walgau über. Unter dem Einfluss dieser Feinde Habsburgs stürmten die Walgauer die Feste Blumenegg, um sie zu plündern. Am 28./29. September brannte schließlich Blumenegg zusammen mit den Burgen Jagdberg, Ramschwag und Bürs. Die ruinierte Burg am Thüringerberg wurde jedoch später wieder aufgebaut. Laut dem Testament von Bischof Hartmann fiel die Burg und Herrschaft Blumenegg 1416 nun gänzlich den Brandisern zu.

Der Blutbann

Im Jahr 1417 verlieh König Sigismund Wolfhard V. von Brandis den Blutbann bzw. die Hochgerichtsbarkeit. Diese umfasste jene Verbrechen, die mit Strafen an Leib und Leben oder bildlich gesprochen mit Stock und Galgen bestraft wurden. Darunter fielen beispielsweise Tötungsdelikte, schwerer Diebstahl, Notzucht aber auch Eidbruch, Zauberei, Falschmünzerei und dergleichen. Das Hochgericht tagte als sogenanntes „Grafengericht“ in Thüringen, Bludesch oder Ludesch. Vielleicht hat auch die Tausendjährige Eiche in Ludesch eine Rolle als Gerichtseiche gespielt. Die Richtstatt, wo der Henker den bedauernswerten Delinquenten in Empfang nahm, war beim Hängenden Stein, wo der Galgen stand. Heute hängen dort zum Glück nur noch Sportkletterer in den Seilen. Das Gefängnis, in dem Übeltäter auf ihren Prozess warteten, befand sich im Burgverlies von Blumenegg. Im Herbst 1419 saß dort Hans Büsel, genannt Haggel, aus Rankweil. Er sollte wegen offenen Straßenraubs hingerichtet werden. Am 7. November war es dann soweit und er wurde enthauptet, was damals die humanste Form der Hinrichtung war.

Die Brandiser blieben fast hundert Jahre lang Besitzer von Blumenegg. Der letzte des Geschlechts, der geistliche Johann von Brandis, verkaufte im Jahre 1510 Schloss und Herrschaft an die Grafen von Sulz. 1612 übernahmen die Benediktiner vom Kloster Weingarten nahe Ravensburg den Besitz.  Die Burg, die von ihnen noch lange als Amtsgebäude benutzt wurde, brannte 1774 völlig aus und verfiel zur Ruine.

Die Blumenegger werden Österreicher

Als Folge der Koalitionskriege mit Frankreich unter Napoleon wurden Gebietsverluste links des Rheins durch aufgehobene kirchliche Territorien kompensiert. So kam die benediktinische Herrschaft Blumenegg sogar für kurze Zeit in den Besitz des späteren Königs der Niederlande, Prinz Friedrich Wilhelm von Oranien-Nassau. Durch einen weiteren Güterstreit im dritten Koalitionskrieg ging die Herrschaft Blumenegg am 23. Juni 1804 an Österreich. Von 1804 bis 1815 wurde die Herrschaft zusammen mit dem übrigen Vorarlberg und Tirol Bayern zugeschlagen. Seit 1815 ist Blumenegg nun endgültig mit Österreich verbunden.

Die Ruine

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, beschrieb der Schriftsteller Norman Douglas die Ruine als „prächtigsten Ort der Welt“. Nicht einmal bestimmte imposante Ruinen im Süden konnten sich seiner Meinung nach mit Blumenegg messen, denn diese seien kahl und eine bloße Anhäufung von Mauerwerk, die durch den Lauf der Jahre nicht romantischer geworden seien. Ihnen mangle die Verfeinerung, die nur das Grün geben kann; ihre Verwüstungen würden für alle Zeiten sichtbar sein.  Über Blumenegg hingegen schreibt der Schriftsteller: „ Hier  sind diese Verwüstungen geheilt.  Bäume und Moos haben ihr Werk so vortrefflich vollbracht, daß eine köstliche tonalité den Ort durchzieht. Blumenegg ist einfach einzigartig. Die Menschen haben es allein zerbröckeln lassen, und so zerbröckelt es langsam und voller Anmut zu Ende. Nichts und niemand stört es, außer die wilden Geschöpfe der Natur. Man muß es suchen!  Ein viel begangener Pfad – die Abkürzung vom Walsertal zum Bahnhof – führt nahe vorbei. Aber wer schon verlässt ihn jemals? In seinem zauberischen Halbschatten ruhend, gewinnt man den Eindruck, daß Blumenegg weder traurig ist, noch lächelnd. Ein bißchen nachdenklich, ein wenig schläfrig, wie der alte Barbarossa in seiner Höhle.“

Für Nachdenkliches und Schläfriges haben wir heutigen Menschen nicht mehr viel übrig und so wurde die alte Ruine der modernen Welt angepasst. Die Mauern wurden saniert und stabilisiert und dem Zerbröckeln wurde ein Ende gesetzt. Inmitten der Anlage steht jetzt ein Pavillon für kulturelle Veranstaltungen aller Art. Der Weg zur Burgruine kann elektrisch beleuchtet werden. Das Burggelände kann wieder belebt werden, nicht nur von einem einsamen Wanderer, der sich kontemplativ in dem alten Gemäuer niederlässt, sondern bietet auch Kunst- und Kulturinteressierten Raum für Veranstaltungen. Mehr Menschen werden wieder das alte Gemäuer betrachten, manche vielleicht auch ein bisschen verträumt und nachdenklich. Aber die tonalité wird nicht mehr die selbe sein wie in den Tagen, als Norman Douglas hier verweilte.

Quellen

Niederstätter Alois: Die Vorarlberger Burgen, Universitätsverlag Wagner 2017
Douglas Norman:    Wieder im Walgau (orig. engl. Together)  Verlagsbuchhandlung H. Lingenhöle & Co., Bregenz, 1982
Bludenzer Geschichtsblätter Heft 72-74, 2004 – 200 Jahre Blumenegg bei Österreicher
Brigitte Truschnegg: Thüringerberg – Das Dorf und seine Geschichte(n), Gem. Thüringerberg 2011

Links

Burgruine Blumenegg ( https://wiki.imwalgau.at/Burgruine_Blumenegg )
Kulturraum Ruine Blumenegg ( https://www.regio-v.at/index.php/projects/49/kulturraum-ruine-blumenegg )