Fortschreitende Umstellung auf Obstbau

Wenn wir lesen, dass der Nenzinger Gemeindevorsteher 1808 der Bayrischen Landesverwaltung meldete, dass in Nenzing nur Produkte aus Obst, Weinobst und Weintrester gebrannt würden (siehe Kapitel 5.7. TBD ), klingt heraus, dass es erstens schon Obst neben dem Weinbau gab, dass aber beim Schnapsbrennen die Trauben und der Traubentrester noch dominant waren. Das war wohl schon immer so, da vermutlich nicht jeder Beschlinger einen Weinberg hatte, wohl aber den einen oder anderen Obstbaum in der Bünt.
 

Die Nachweise von Obstbäumen beginnen mit der zweitältesten auf dem Gebiet des heutigen Österreich geschriebenen Urkunde vom 7. Februar 807. Nach Einführung der Grafschaftsverfassung durch Karl den Großen war Hunfrid als erster Graf und Vertreter des Königs/Kaisers in Rankweil Vorsitzender in einem Gerichtsverfahren, in dem es um die angeblich widerrechtliche Entziehung eines Hofes ging. Beim Grenzbeschrieb des Hofes heißt es: „von dort, wo der Baumgarten ist und wo er von einer Seite vom Wasser umgeben wird, da wo die Bäume und Steine sind, ist die Grenze“.1Wir können also davon ausgehen, dass Obstbäume in Vorarlberg schon sehr früh in Nutzung standen.
 

Nach einer längeren Zeit ohne entsprechende Belege finden wir wieder einen Hinweis in einer Urkunde von 15282, in der die Rede ist vom Verkauf eines Martinizinses von 12 Schilling Pfennig „ab unserm aigen Hauß, Hofstatt, Stadl, Bombgart, Krautgart und Infang by ainanderen zu Beschlingen gelegen“.

Auf Latz wurde 1565 nach einer Klage der Beschlinger, dass die Latzer durch Einzäunungen ihren Weg auf die Alpe Gamp zu stark behindern, durch den Amman und Richter Balthasar Marquardt entschieden, dass die Rechte der Beschlinger unverändert erhalten bleiben sollen. Da es aber jetzt in Latz viel mehr Häuser und Volk gebe, und auch viel mehr Güter durch Rodung erzeugt wurden, als es zur Zeit der Abfassung des Beschlinger Spruchbriefs gab, möge jede jetzt auf Latz befindliche Haushofstatt drei Mitmel einzäunen „für Bomgart Recht“. Dafür solle aber jede Latzer Haushofstatt jährlich auf ewige Zeiten zwei Schilling Pfennig Strafgeld nach Beschling geben.3

Dass daraus auch Obstpflanzungen wurden, belegt wiederum eine Urkunde von 1594, nach der Thomas Tschann und seine Frau Helena Maurer der Beschlinger Gemeinde einen ablösbaren jährlichen Martinizins verkaufen ab ihrer eigenen Behausung, Hofraite, Stallung, Obstwachs und Gut, alles beieinander auf Latz gelegen.4

1634 unterschrieben die Geschworenen und Dorfvögte von Beschling, Lorenz Maier, Joss Stoß und Marx Tiefenthaler, dem Bernhard Fröwis aus Feldkirch und seiner Frau Susanna Michölin, einen Schuldschein über 150 Gulden rheinisch alte Landswährung mit einem jährlichen Zins von 3 Kreuzer pro Gulden. Als Unterpfand galten alle ihre Häuser, Städel, Hofstätten, Baumgärten und sogar Weinberge.

Auch eine Strafhandlung im Zusammenhang mit Obst ist in Beschling belegt durch einen Eintrag im Sonnenberger Frevelbuch 16505: "Felix Scherers Fraw und Hausgesindt haben an ainem Sonntag Biren geschütt. Ist verfelt. 1 fl.; Pit umb Genad." Ob der Bitte um Gnade stattgegeben wurde, ist nicht bekannt. Heute erscheint die Höhe der Strafe von einem Gulden unverhältnismäßig hoch. Ein Gulden entsprach etwa fünf Taglöhnen. Es waren also teure Birnen.

So wurde wohl schon immer neben dem Weinbau auch Obst gewonnen und vorwiegend zu Dörrobst (vielfach als Zuckerersatz und Vitaminspender im Winter) und Most verarbeitet. Als dann Anfang des 19. Jahrhunderts abzusehen war, dass der Weinbau immer weniger Erfolg versprach, begann man von Seiten der Landesverwaltung, den Anbau von Obstbäumen zu forcieren, um mittelfristig einen Ersatz für die Weinbauprodukte zu finden.

Der landwirtschaftliche Filial-Ausschuss Bregenz z. B. bemühte sich 1854 sehr um die Obstkultur, die für Vorarlberg und Tirol ein wahres Bedürfnis sei. Nur mit allgemeinem Zusammenwirken, vor allem durch theoretische Unterrichtung der Jugend, könne diese Kulturart auch gedeihen. Dazu wäre es wünschenswert, dass zumindest alle großen Landschulen Schulgärten errichten, in denen das nötige Wissen der Jugend bereits vermittelt werden könnte. Über den Bezirkshauptmann wurde schließlich auch die Gemeinde Nenzing kontaktiert und um die Mitwirkung bei der so nützlichen Sache gebeten und binnen Jahresfrist vom Resultat der Bemühungen zu berichten.6

In einem Aufschreibheft des Michael Scherer von Beschling7 finden sich neben häufigen Schlittenmacher-Arbeiten folgende Einträge:

Konto für Anton Amman in Beschling: ….., den 6. April 1894 gib ich ihm zwei Stück Apfelbäume a 40 kr. --- 80 kr. Den 4 April 1895 gib ich ihm zwei Stück Birnbäume a 60 kr. u. einen Apfelbaum für 40 kr macht zusammen 1 fl 60 kr. …..
Konto für Andreas Scherer Hausknecht Nenzing: den 4 April 1895 gib ich ihm 3 Stück Birnbäume a 70 kr. u. ein Apfelbaum 40 kr. zusammen 2 fl 50, ……
Konto für Franz Josef Jussel in Beschling: Den 5. April 1895 gib ich ihm 4 Stück Birnbäume a 70 kr, zusammen 3 fl 80 kr…..

Ob Michael Scherer eine eigene Obstbaumschule hatte, ist nicht bekannt.

Anton Ammann ist hier der einzige, der noch vor dem Katastrophenunwetter 1894 schon den Umstieg auf Obstbau begann, der sich danach natürlich verstärkt fortsetzte. So kam es schon 1915 zur Gründung des Obst- und Gartenbauvereins Nenzing-Beschling, wobei unter den Gründungsmitgliedern auch Johann Scherer genannt ist, der Sohn des oben erwähnten Obstbaumverkäufers.

 

  • 1

    Erhart, Peter (Hg.): Das Drusental. - Der Walgau und das Vorderland im frühen Mittelalter. ELEMENTA Walgau, Schriftenreihe 7, Nenzing 2009, S. 34, Übersetzung aus dem Lateinischen.

  • 2

    VLA Urkunde Nr. 3044, https://www.monasterium.net/mom/AT-VLA/NenzingGA/fond?block=2.[

  • 3

    VLA Urkunde Nr. 3094, https://www.monasterium.net/mom/AT-VLA/NenzingGA/fond?block=4.

  • 4

    VLA Urkunde Nr. 3110, https://www.monasterium.net/mom/AT-VLA/NenzingGA/fond?block=4.

  • 5

    VLA, Vogteiamt Bludenz, Frevelbuch Sonnenberg, Nr. 133, a. 1650.

  • 6

    VLA, Gemeindearchiv Nenzing, Schachtel 21, Faszikel 175 vom 12.1.1854.

  • 7

    Im Besitz des Autors.