Industrieschauplatz Bludenz


Die Besonderheit bei der industriellen Entwicklung von Bludenz und Umgebung war, dass diese weitestgehend von einem einzigen Unternehmen geprägt wurde, und zwar von Getzner, Mutter & Cie. Die Gründer Christian Getzner, Franz Xaver Mutter und Andrä Gassner schlossen sich 1818 zusammen. Zahlreiche Heimweber- und -spinner der Region waren für sie tätig.  (Wer sich ein Bild von der Arbeitssituation dieser Menschen machen möchte - im Heimatmuseum Paarhof Buacher  in Bürserberg ist ein noch erhaltener typischer Webkeller zu besichtigen).

1820 bauten die Gesellschafter zusammen mit dem Feldkircher Fabrikanten und späteren Hauptkonkurrenten Johann Josef Ganahl die Spinnerei Brunnental als erste Fabrik im Walgau. Dieser Hochbau  am Mühlebach brannte 1832 nieder, später folgten an diesem Standort u.a. eine Papiererzeugung, Bindfadenproduktion und schließlich 1887 die Schokoladenerzeugung des Westschweizer Unternehmens Suchard.

Bludenz: Bleiche GTAG Kopfbau, (c)Jens-Ellensohn-Presse Getzner
Bludenz: Bleiche GTAG Kopfbau, (c) Jens Ellensohn, Presse Getzner

1854 erwarb Getzner, Mutter & Cie. in Bludenz die städtische Bleiche, die zum Hauptsitz des Unternehmens wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Unternehmen schon Fabriken in Nenzing und Bürs errichtet. 1871 wurde auf dem Bleichegelände eine erste mechanische Buntweberei eingerichtet, was allgemein als  Impuls für die Zuwanderung von Arbeitskräften aus dem Trentino gilt. 1886 errichtete Getzner in der Bludenzer Au noch die Spinnerei Klarenbrunn.

 

Als einzige Stadt im Land hat Bludenz ein, wenn auch kleines, Arbeiterviertel, das sogenannte Welsche Viertel. Es wurde von der Firma Getzner ab 1873 neben dem Fabrikareal Bleiche erbaut. Der Hauptteil der Bewohnerschaft waren eingewanderte Arbeiter und Arbeiterinnen aus dem Trentino. Es entstanden auch mehrere Beamtenhäuser und Arbeiterheime. Der Getzner-Werkswohnungsbau in Bludenz setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg in diesem Stadtteil fort.

Trotz der Dominanz des Firmenimperiums gab es auch andere, kleinere Textilunternehmen in Bludenz und Umgebung, wie zum Beispiel die von 1836 bis 1883 existierende Spinnerei Alt-Klarenbrunn von Wolf & Cie. oder die Streichgarnspinnerei Fidel Dörler & Cie. in Lorüns.

 Bludenz: Suchard, Bahnhof, (c) Stadtarchiv Bludenz
Bludenz: Suchard, Bahnhof, (c) Stadtarchiv Bludenz

In Bludenz entwickelte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts neben der Textilbranche auch eine Lebensmittelindustrie: Der Schweizer Schokoladeproduzent Suchard (heute Mondelez) produziert am Standort seit 1909 das bis heute bekannteste und älteste Markenprodukt aus Bludenz – die Milka Alpenmilchschokolade.

Bludenz: Brauerei Fohrenburg ,(c)Vorarlberger Landesbibliothek
Bludenz: Brauerei Fohrenburg ,(c)Vorarlberger Landesbibliothek

1880 gründete Ferdinand Gassner, ein Gesellschafter von Getzner, Mutter & Cie, gemeinsam mit anderen Teilhabern in der heutigen Fohrenburgerstraße 5 die Brauerei Fohrenburg. Beide Unternehmen sind österreichweit bekannt und bis heute zwei wichtige Arbeitgeber.

Nahezu in Vergessenheit geraten ist, dass sich 1906 im Zuge der sogenannten Zollgründungen (Vorarlberger Zweigstellen deutscher und Schweizer Unternehmen, die damit Zugang zum geschützten Markt der k. u. k. Monarchie erhalten wollten) die Schweizer Uhrenfabrik Obrecht & Co ansiedelte und in der Klarenbrunnstraße 12 ein eigenes gründerzeitliches Fabriksgebäude errichten ließ. Dieser Betrieb wurde 1924 an Josef und Robert Plangg sowie Oskar Pfluger verkauft. Heute ist ein Innovationszentrum im Gebäude untergebracht.

In der metallverarbeitenden Industrie entwickelte sich die 1856 gegründete Ofenfabrik Lutz zu einem überregional bekannten Unternehmen, in dem zeitweise bis zu 50 Personen beschäftigt waren.

In der Metallbranche bis heute mit der Firmenzentrale präsent bzw. international mit verschiedenen Firmenzweigen aktiv ist das 1925 gegründete Unternehmen Bertsch. Es entwickelte sich vom Kesselhersteller zum hochspezialisierten Anlagenbauer für Kraftwerke und Industrie.

Bludenz: Ehemalige Ofenfabrik Lutz und Söhne, Walserweg 1930, (c) Stadtarchiv Bludenz
Bludenz: Ehemalige Ofenfabrik Lutz und Söhne,
Walserweg 1930, (c) Stadtarchiv Bludenz
 

Vom räumlichen Gesamtcharakter her kann Bludenz mit Umgebung als Industriestadt bezeichnet werden. Die Bahnanlagen und Fabriksareale liegen mitten in der Stadt, kleinere Arbeitersiedlungen und ganze Arbeiterviertel, wie das Welsche Viertel, oder die Anfang der 1920er-Jahre von Bahnarbeitern errichtete Siedlung Mokry sowie die Unternehmervillen westlich der Altstadt verstärken diesen Charakter.

Weiterführende Literatur

Manfred A. Getzner: Getzner, Mutter & Cie, Bludenz und die Entwicklung der Textilindustrie im Vorarlberger Oberland, Teil A, Feldkirch 1990, Teil A-C

Tschaikern Manfred (Hg.): Geschichte der Stadt Bludenz: von der Urzeit bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, Sigmaringen 1996

Suchard Schokolade GmbH (Hg.): 100 Jahre Suchard Bludenz – 100 Jahre Lebensfreude 1887-1987, Lochau 1987
Otto Schwald: Bludenz, Industrie und Arbeitsleben in alten Bildern, Erfurt 2018

Barbara Motter, Barbara Grabherr-Schneider: Orte-Fabriken-Geschichten, 188 historische Fabriksbauten in Vorarlberg, hg. v. Wirtschaftsarchiv Vorarlberg, Innsbruck 2014

Tipp

Kulturweg Industriekultur Bludenz (https://www.vorarlberg-alpenregion.at/de/tours/kulturweg-industriekultur-bludenz.html)

Fohrenburg-Museum (Schauraum) im Betriebsgelände der Brauerei (https://www.fohrenburger.at/erleben/brauereifuehrung/)