Burgruine Sonnenberg

Viel ist nicht mehr zu sehen von der einst stolzen Burg. Beeindruckend wirken jedoch die hochragenden Reste des Bergfrieds, von dem nur noch die Nordwand mit ihren leeren Fensterhöhlen erhalten ist. Auf dem oberen Rand der Mauer wachsen Föhren aus den kargen und spröden Kalksteinen.

Für die unregelmäßig angeordneten Burgfenster gibt es kein Innen mehr. Die Innenräume sind Vergangenheit seit die stolzen und grausamen Bewohner die Burg schon vor Jahrhunderten verlassen haben. Sie konnten gerade noch fliehen, doch ihre Burg mit dem schönen Namen Sonnenberg wurde erobert und zerstört.

Die hochmütigen Herren der Burg werden von einem Diener beschimpft

Im Jahre 1473, so erzählt der Vorarlberger Burgenforscher Franz Josef Huber, sah der Graf Andreas von Sonnenburg aus einem Burgfenster. Sein Blick folgte dem Forstmeister des Herzogs Sigmund des Münzreichen, der sich von der Burg entfernte und Richtung Tal schritt. Der Herzog, so dachte der Graf wohl, hatte die Unverschämtheit, ihm, einem Reichsgrafen, einen gewöhnlichen Diener zu schicken, um Bußgeld für einen widerrechtlich auf Bludenzer Gebiet geschossenen Hirschen einzufordern. Auch der Forstmeister Egli Neyer war durch das herrische Benehmen und durch die spöttischen Worte des Grafen beim vorangegangenem Treffen gekränkt. Er bemerkte wohl den feindseligen Blick des jungen Grafen in seinem Nacken, drehte sich um und bedachte den Grafen Andreas sowie dessen ebenfalls anwesenden Vater, Graf Eberhard von Sonnenberg, mit Schimpfworten.

Die Rache

Dies versetzte den empfindlichen Grafen wiederum derart in Wut, dass er sein Pferd sattelte und dem Förster folgte. Auf der freien Landstraße zwischen Bürs und Bludenz holte er ihn ein. Er riss einen Zaunpfahl aus und schlug damit den armen Egli Neyer nieder und ließ ihn blutüberströmt auf der Straße liegen. 

Die Geschichte der Burg

Gut zweihundert Jahre vor dieser grausamen Bluttat schleppten Leibeigene schwere Steine auf den felsigen Burghügel, um die dicken Festungsmauern zu errichten. Die Landesherren waren die Grafen von Werdenberg, eine Seitenlinie der Montforter. Bei den Burgherren handelte es sich wahrscheinlich um die Brüder Gerung und Ulrich von Nüziders, Dienstmannen der Grafen. Der Name der neuen Burg war Feste Nüziders. Schriftlich erwähnt wird sie allerdings erst im Jahre 1342, als es zu einer Güterteilung unter den Grafen von Werdenberg-Sargans kam. Dabei erhielt Hartmann III. neben den Burgen Vaduz und Blumenegg auch Nútzeders und waz dar zuo gehöret. 1379 ist von der vesti Nútziders die Rede, welche damals bereits die Burg Blumenegg als zentralen Sitz der Linie Werdenberg Sargans abgelöst hatte. Die Feste Nüziders überstand eine militärische Auseinandersetzung, bei der Feldkircher Truppen am 25. November 1404 das Dorf Nüziders niederbrannten und 100 Stück Vieh raubten. Im darauffolgenden Jahr im September blieb die Burg auch vom „Walgauer Burgenbruch“ durch die Appenzeller verschont, da sie nicht zu den Feinden (den Habsburgern und ihren Verbündeten) zählte.

Der Name Sonnenberg statt Nüziders erscheint erstmals auf einer Urkunde Graf Hartmanns IV. von Werdenberg und Bischof von Chur aus dem Jahre 1410. Vermutlich klang der neue Namen dem Geschmack der Zeit entsprechend „höfischer“. Während sich Hartmann, der 1416 in der Burg starb, noch nicht „von Sonnenberg“ nannte, führte Graf Rudolf VII. von Werdenberg-Sargans, einer seiner Erben, den Titel erstmals im Jahr 1416. Zu dieser Zeit kam es wahrscheinlich zum Umbau des Palas (Wohntrakt). 1455 wurde die Burg und Herrschaft um 15.000 Gulden an den Feldkircher und Bludenzer Vogt Eberhard Truchsess von Waldburg verkauft. 1463 erhob Kaiser Friedrich III. die Herrschaft Sonnenberg auf Ansuchen des Truchsess zur Reichsgrafschaft.

Eberhard von Waldburg entstammte schwäbischem Hochadel. Schon bald kam es aufgrund der Doppelrolle als österreichischer Vogt und Landesherr im Walgau zu Zerwürfnissen mit Herzog Sigmund von Österreich, der Sonnenberg unter seine Herrschaft bringen wollte. Außerdem ging es um die Hoheitsrechte beim Bergbau des Klostertales und am Kristberg. Auch die Bludenzer Bürger sahen sich durch den neuen Vogt und Pfandherren in ihren Freiheiten und Rechten stark bedroht. Im März 1464 entlud sich der Volkszorn und die Stadtbürger besetzten die Burg Bludenz. Fünf Jahre später entzog Sigmund der Münzreiche dem Truchsess die Pfandherrschaft. 

Die Verwundung und Errettung des Forstmeisters

So vergiftet waren also die Beziehungen, als Egli Neyer mit Andreas, dem Sohn Eberharts in Streit geriet. Die Emser Chronik von 1616 berichtet, dass Graf Andreas den Forstmeister Sigmund des Münzreichen erstach – ob das mit obengenanntem Zaunpfahl, Schwert oder Messer geschah, wird nicht erwähnt. Der Bürgermeister von Bludenz, Siegmund Frey († 1565), weiß über die Fehde durch Erzählungen seines Urgroßvaters genaueres zu berichten: Die beiden Grafen von Sonnenberg, Eberhard und sein Sohn Andreas begegneten dem Egli auf dem Sand zwischen Bludenz und Bürs. Dort haben sie ihn mit Bogen und Wehr angerannt und letztlich auf den Tod verwundet und für tot liegen gelassen mit ausgeflossenen Eingeweiden und Gedärm. Doch hat man ihn gleich danach noch lebendig gefunden und nach Bludenz getragen, wo ein erfahrener Scherer und Arzt zu ihm berufen wurde. Der habe ihm den ausgefallenen und noch anhängenden Magen in die Hände genommen und flux ein zimlich warms Müesslin gemacht, dass selbig in den Magen gethon, den Magen wiederum zugenäht und in den Leib an seinen Ort, samt anderem Eingeweide, hinein getan und geordnet und widerum zugenäht und fleißig ihm ussgewertet, dessen er auch hindernach endtlich wiederum uffkommen und gesundt worden seyg, und noch manche Jahr danach gelebt habe.

Wie auch immer der Tathergang war, auch über die Ursache der Auseinandersetzung gibt es eine pikante Alternative, nachzulesen in der Cosmographia des Sebastian Münster (1488 - 1552). So soll der Streit wegen einer üppigen Metze (käuflichen Dame) entflammt sein. Anscheinend hatte schon damals der Boulevard mit breitenwirksameren Geschichten die Realität aufgepeppt. Die Ursache der Streitereien war sicher politischer Natur, der Auslöser entweder ein Hirsch oder eine schöne Frau.

Die Zerstörung der Burg

Als Sigmund der Münzreiche von dem Attentat auf seinen Forstmeister erfuhr, platzte ihm der Kragen und er beschloss, die Burg Sonnenberg einzunehmen. Der Krieg begann! Am 11. März 1473 belagerten habsburgische Truppen unter der Führung von Burkhard von Knöringen die Festung. In der Nacht vom 12. auf den 13. März gelang es Andreas von Sonnenberg zu fliehen. Nachdem sich die restlichen Verteidiger ergaben, steckte der Hauptmann von Knöringen die Burg in Brand. Seither steht nur mehr eine Ruine auf dem bewaldeten, felsigen Hügel. Im darauffolgenden Jahr verkaufte Eberhard die Grafschaft Sonnenberg an Herzog Sigmund, der sie der Vogtei Bludenz unterstellte.

Das Ende des Grafen Andreas von Sonnenberg

Der hochmütige und streitbare Andreas von Sonnenberg machte als Heerführer unter Kaiser Maximilian Karriere. Im Jahre 1511 wurde ihm jedoch seine Überheblichkeit und seine Spottsucht zum Verhängnis. Am 2. März jenen Jahres beleidigte er auf einer Hochzeit in Schwaben Felix von Werdenberg in aller Öffentlichkeit vor der anwesenden Festgesellschaft wegen seiner kleinen Statur.  Der Verspottete sah sich in seiner Ehre gekränkt und zur Rache gezwungen. Am 10. Mai scharte Felix einige Männer um sich, ironischerweise auch einen Forstmeister. Andreas geriet an jenem Tag in einen Hinterhalt und versuchte zu fliehen. Vergeblich! Die Verfolger setzten ihm nach und ermordeten ihn mit zwanzig Lanzen- und Schwertstichen. Am Ort der schrecklichen Tat im Herbertinger Ried wurde eine der schmerzhaften Muttergottes geweihte Kapelle erbaut.

Die Ruine

Das Schlusswort sei dem leidenschaftlichen Burgenforscher Franz Josef Huber überlassen: „Als Burg längst gebrochen, lädt sie den Wanderer zu besinnlicher Rast in ihrem Gemäuer ein. Dem, der sich dorthin verirrt und sich nachdenklich auf ihren Mauerresten oder auf einem stillen Bänklein dort niederlässt, erzählt sie ihre Geschichte. Glanz und Macht sind gepaart mit Sorge und Leid, Aufbau und Größe mit Zerstörung und Zerfall. Ihre Bewohner waren Kinder ihrer Zeit wie wir der unseren. Gut und menschlich, machtgierig und herrschsüchtig, friedlich und streitsüchtig. Alles was blieb, sind ein Haufen Steine, geborstene, menschenleere, dicke Mauern und das ewige Lied der Vergänglichkeit.“

Quellen:

Burmeister Karl Heinz: Geschichte der Stadt Bludenz, Hg. Manfred Tschaikner
1996 Jan Thorbecke Verlag Gmbh & Co., Sigmaringen

Huber Franz Josef: Wo Graf und Ritter Burgen bauten
2008 – 2010 Jahrbuch Vorarlberger Landesmuseumsverein

Links:

http://www.vorarlberg.travel/route/rundweg ruine-sonnenberg-nueziders/

YouTube Serie: Burgen im Walgau – Ruine Sonnenberg, Manfred Tschaikner, Walgau Fernsehen WTV SO14

http://www.burgenkunde.at/vorarlberg/vbg_ruine_sonnenberg/vbg_ruine_sonnenberg.htm

https://wiki.imwalgau.at/Sonnenberg_Nüziders