Brauchtum: Pumatragen in Bürs

Puma von Pumerantscha, Orange, Foto: Bodo Mertoglu

"Wo die Pomeranzen tanzen". In Bürs wird am ersten Fastensonntag nicht nur ein Funkenfeuer entzündet, auch uralte Lampions erleuchten die Nacht. Ronald Rettenberger, Mitglied des "Bürscher Fasnatvereins", aktiver Fasnatrat und Ehrenmitglied des Verbands Vorarlberger Fasnatzünfte und -gilden, kümmert sich als „Pumameister“ seit Jahrzehnten um den einzigartigen Brauch. Weshalb sie Puma heißen und jeder die schwerste tragen will, darüber erschien im Servus-Magazin (2016) folgende Reportage.

Ronald Rettenberger steht vor der Scheune seines Elternhauses und schaut besorgt in den Himmel über Bürs. Es hat wieder leicht zu schneien begonnen - uns das ist gar nicht gut für seine Puma. Puma? Gibt es in den Vorarlberger Wäldern etwa ...? Aber nein, der Name führt in die Irre. Puma ist die Abkürzung für Pumerantscha. "So hat man hier früher die Orangen genannt", erklärt Ronald Rettenberger, "und weil unsere runden Lampions ausschauen wie geschälte Pomeranzen, hat man auch ihnen diesen Namen gegeben."

Seit einer Ewigkeit schon  kommen diese filigranen Beleuchtungskörper am Funkensonntag, also am ersten Fastensonntag, in Bürs zum Einsatz. "Man wollte mit ihnen das Fest rund ums Funkenabbrennen verschönern", erzählt Ronald Rettenberger. Er muss es wissen. Als Pumameister übt er dieses Amt, das seine Familie schon seit Generationen innehat, mit großer Leidenschaft aus. "Ich bin mit dem Brauch, ein Funkenfeuer zu entzünden und Puma zu tragen, aufgewachsen", sagt Ronald Rettenberger. Und ergänzt nicht ohne Stolz: "1948 haben mein Vater und mein Onkel in den Dachböden und Scheunen des Dorfes Puma zusammengesucht und restauriert." Übrigens Puma heißen die Lampions auch in der Mehrzahl, ohn "s" hintendran.

Von der Kröte bis zur Liebe

Die runden Puma sind die ältesten. Sie wurden vor 150 bis 200 Jahren angefertigt, der Aufbau ist simpel. Bunte Papierstreifen sind über einen Rahmen gespannt und werden von innen mit einer Kerze erleuchtet. "Die Metallbänder haben früher Baumwollballen zusammengehalten, die in den Textilfabriken der Umgebung verarbeitet worden sind", erklärt Ronald Rettenberger. Zur runden Form der Lampions gesellten sich später dann die "Kübile", rechteckige Laternen, die einem kleinen Kübel ähneln. Ihre großen Geschwister sind die aufwendig gestalteten "Kastenpuma". Auf vier Seiten zeigen sie typische Funkenmotive. Die "Bürscher Krott", die Kröte als Symbol der Bürser Funkenzunft, gehört ebenso dazu wie Darstellungen, die den Winter austreiben sollen oder der heimlichen Liebe gewidmet sind. Akribisch wurden die eigens entworfenen Motive aus Karton ausgeschnitten, mit buntem Transparentpapier hinterlegt und auf einen geschwärzten Holzrahmen aufgeklebt. "Genoveva, die älteste Kastenpuma, stammt aus dem Jahr 1892. Die "Spinnerin" wiederum ist mit 13 Kilo die schwerste und hat mehr als einen Quadratneter Fläche", sagt der Pumameister begeistert.

Seltene Schätze unter der Lupe

47 unterschiedliche Exemplare gibt es, Ronald Rettenberger hütet die seltenen Schätze am Dachboden seines Elternhauses. Am Aschwermittwoch holt er die Puma dann aus ihrem Dornröschenschlaf und nimmt jede einzelne akribisch unter die Lupe. Viele der fragilen Gebilde müssen vor ihrem Einsatz in der eigens eingerichteten Werkstatt wieder auf Vordermann gebracht werden. "Ein Pumameister muss gut mit dem Kartonmesser umgehen können, denn es gibt jedes Jahr viel zu reparieren", sagt der Experte. Risse werden geflickt, brüchiger Karton oder ausgebleichtes Papier wird ausgetauscht. Diese Arbeiten können bis zu 80 Stunden dauern, doch da hilft die Familie Rettenberger zusammen. Alle sind gut eingespielt, jeder Handgriff sitzt.

Es geht mehr als nur um die Wurst

Am Funkenabend werden die herausgeputzten Lampions dann mit 100 neuen Kerzen bestückt. Die Pumaträger hat man bereits Tage vor dem Umzug ausgesucht. "Um die schwerste wird immer gerauft", sagt Ronald Rettenberger und lacht. Denn sie zeigt den Zuschauern auch, wie kräftig und geschickt ihr Träger ist. Auf dem langen Marsch zur Funkenwiese müssen die Laternen nämlich ständig ausbalanciert werden. Die einst grob mit der Axt zugehauenen Stecken, mit denen die Puma getragen werden, sind bereits durch etliche Hände gegangen. "Bei manchen sind sie schon so abgegriffen, dass sie fast wie gehobelt aussehen", erklärt der Pumameister. Und auch heuer werden die Stiele wieder ein wenig glatter werden, wenn Männer, Frauen und Schulkinder mit den Puma durch Bürs wandern.

"Ich kann  mich noch an die Zeit erinnern, als nur Männer und Burschen die Puma tragen durften", sagt Ronald Rettenberger. Er ist froh darüber, dass heute auch Frauen und Mädchen eifrig mitmachen. Denn Pumaträger sind gar nicht mehr so leicht zu finden. "Als ich jung war, konnte man uns noch mit Wurst und Brot als Belohnung ködern", erzählt der Pumameister. Heute bekommen die Träger zwar auch noch eine "Funkawurscht", doch wer nun mitmacht, dem geth's mehr um die Erhaltung des einzigartigen Brauchs als um die Wurst.

Die Spinnerin beendet den Zug

Ein letzter kritischer Blick in den Himmel. Es hat aufgehört zu schneigen, erleichtert gibt Ronald Rettenberger die Erlaubnis zum Aufstellen des Pumazuges. Anführen werden ihn die Herolde auf ihren Pferden. Drei Rösser sind es in diesem Jahr, sie tänzeln ein wenig nervös herum vor den Blasmusikern mit ihren Posaunen, Trompeten, Klarinetten und Hörnern. Der Bürser Harmoniemusik, die mit zwei Musikpuma und flankiert von zwei "Kübile" auftritt, folgt dann der mit Reisig geschmückte Wagen der Funkenzunft und dahinter rund 40 stolze Träger mit hell leuchtenden Puma. Die "Spinnerin" beendet schließlich den Zug, der sich nun langsam in Bewegung setzt.

Spaß in Frack und Zylinder

Auf dem langen Weg zur Funkenwiese macht die durch zahlreiche Begleiter immer größer werdende Gesellschaft schließlich in der Dorfmitte halt. Jezt hat der "Funkenkanzler" das Sagen. Umgeben von fackeltragenden "Funkabuaba", die wie er Frack und Zylinder tragen, steht er auf seinem Wagen und erheitert die Zuhörer mit allerlei Geschichten. Mit augenzwinkerndem Ernst erzählt er Histörchen und spricht von Pannen, die das Jahr über in Dorf passiert sind. Vergnügt lauschen die Bürser seinen Ausführungen, ehe sich der Tross weiter zum Funkenplatz bewegt, wo dann als Höhepunkt des Abends das Funkenfeuer entzündet wird.

Bald lodert heiß und grell ein meterhohes Feuer in den Nachthimmel. Unter den wachsamen Augen von Ronald Rettenberger haben sich die Pumaträger in sicherem Abstand dazu aufgestellt. Die einzigartigen Laternen leuchten magisch in die Finsternis, während es laut über den Platz schallt: "Die ganze Gesellschaft lebe hoch - vivat!"

Quelle: Servus in Stadt & Land, Ausgabe 02/2016

Links:

Funktazunft Feuerwehr Bürs

Verband Vorarlberger Fasnatzünfte und -gilden